Wie werden wir morgen wohnen? Gegenfrage: Wie wohnen wir denn heute? Oder, um mit dem skandinavischen Möbelhersteller unseres Vertrauens zu sprechen: Wohnen wir denn überhaupt noch oder leben wir schon? 

 

Im Angelsächsischen ginge diese Frage ins Leere, steht living“ doch gleichermaßen für Wohnen und für Leben. Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas definiert Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit als die drei Aspekte der Lebenswelt (http://de.wikipedia.org/wiki/Lebenswelt#Habermas).

 

Habermas war es auch, der den Begriff der Lebenswelt verwendete, weil damit die Probleme der Moderne besser zu erfassen sind. Und hier sind wir an einem wichtigen Punkt, wenn wir die Frage beantworten wollen, wie wir morgen besser leben. Sozusagen also die Brücke schlagen wollen von der Urhütte hin zu einem Science-Fiction-artigen Leben im Orbit oder wo auch immer. Unsere Lebenswelt hat sich rationalisiert, was dazu geführt hat, dass sich die Menschen von einer immer mehr Maschine gewordenen Moderne entfremdet haben, wieder von der Urhütte träumen, die in den letzten Jahrzehnten das suburbane Eigenheim außerhalb der Stadt war.

 

Wenn sich Lebenswelt durch Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit definiert, dann werden wir angesichts der Umwälzungen, die unserer Gesellschaft bevorstehen, über neue Lebens- und Arbeitswelten nachdenken müssen. Und tun dies auch bereits sowohl in der Theorie als auch mit dem Projekt „For Better Living“ in der Praxis.

 

Die demografische Entwicklung hin zu einer älter werdenden Gesellschaft, die Vereinbarkeit von Job und Familie, der Strukturwandel von einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft in einem Land, das arm an Rohstoffen ist, dafür aber große Anstrengungen unternimmt, die Potenziale in den Köpfen der Menschen zu nutzen, Schrumpfungsprozesse einerseits und Renaissance der Städte andererseits, hohe Mobilitätskosten und eine Arbeitsmarktsituation, die hohe soziale Mobilität erfordert – all das sind Themen, die uns antreiben, wenn es um Lebenswelten und Arbeitswelten der Zukunft geht.

 

Diese Welten werden konfektionierter, aber auch flexibler sein, um sich den Gegebenheiten der jeweiligen Lebensabschnitte anzupassen. Architektur und Design sind imstande, dies zu leisten. Und der Markt ist nah am Kunden. In der Konsequenz bedeutet dies: nicht den Standort, sondern die Idee zum Auslöser der Initiierung von Projekten zu machen. So entstehen präzise, auf dem Markt platzierbare, reproduzierbare Produktkonzepte, die sich an mehreren Standorten mit ähnlichen Parametern umsetzen lassen.

 

Individualität spielt eine Schlüsselrolle, denn Persönlichkeit ist Teil dieser Gesellschaft. Das eigene Wohnumfeld ist seit jeher auch Möglichkeit der persönlichen Selbstverwirklichung oder des Selbstdesigns, um mit Peter Wippermann vom Trendbüro zu sprechen (http://www.pop-up-my-bathroom.de/de/blog/2012/05/interview-wippermann.html).

 

Es ist Ausdruck sozialer Differenzierung. Der Einzelne hat ein Faible für das Außergewöhnliche und Neue, der Markt greift dies gerne auf und weckt entsprechende Begehrlichkeiten. Gerade im privaten Bereich lassen sich sehr individuelle Lebenswelten entwickeln bei gleichzeitiger hoher Nachhaltigkeit, denkt man an die Nutzung im Alter. Der flexibel nutzbare Raum, der Wandel zum Prinzip macht, wird Symbol für unsere private Lebenswelt.

 

Die Zeiten ändern sich. Und vielleicht kommen wir so doch wieder von einer Vereinzelung der Gesellschaft zu einer Vergesellschaftung des Einzelnen. Die Zukunft kann kommen!

 

 

 

By Xaver Egger

 

Xaver Egger, Architekt und Mitbegründer von SEHW, vielfach ausgezeichnetes Architekturbüro und Netzwerkpartner von allmyhomes. Egger spannt den Bogen von den demographischen Fragen unserer Zeit bis hin zu Rendite- und Investitionsrechnungen von Entwicklungsprojekten. Er ist Professor an der Hochschule Bochum, wo sein Masterstudiengang die Bereiche Städteplanung, Projektentwicklung und ­Architektur vereint.  [www.sehw.de]