Viele Dorfgemeinden atmen nicht nur frische Luft, sondern schnuppern erfolgreich in die Zukunft. Zwischen Ackerlandschaft und Horizont, Breitbandkabel und Windkraft entwickeln sich neue Lebensformen mit Potenzial. Es leben die städtischen Dörfer!

 

Auf jede bedeutende Bewegung folgt bald eine vorwärtsgewandte Gegenbewegung: Das ist der Lauf der Dinge, wie er sich laut Michel Foucault ganz natürlich aus der Mechanik der Gesellschaft ergibt. Uckermark, bayerischer Wald, Schwäbisch Hall. Dem Run auf das Leben in den Großstädten folgt so die Urbanisierung der Dörfer. Ob Wiederentdeckung oder Wiederbelebung – das Phänomen der neu erwachenden Provinzen lässt sich zunehmend beobachten. Dörfer, Gemeinden und Kleinstädte profitieren dabei von der Dichte der Großstädte. Weil die Provinz das bieten kann, was es in den internationalen Megastädten nicht mehr gibt: Freiraum und Freiheit. 

 

Diese Möglichkeitsräume und ihre Entstehung sind freilich von Motoren wie neuen Technologien, beispielsweise der Sharing-Mobilität, und leistungsstarkem Internet abhängig, die Informationen und Zugänglichkeiten demokratisieren. All diese Faktoren verändern den ländlichen Raum, und so verwandeln sich öde Gegenden abseits der verdichteten Metropolen in entspannte Orte voll neuer Lebensqualität: mit Bildungs-, Kultur- und Freizeitangeboten und vergleichsweise günstigeren Immobilienpreisen. So erklärt es sich, warum in Deutschland aktuell zum ersten Mal seit 20 Jahren mehr Einwohner die großen Metropolen verlassen als zuziehen. Die Gegenpole Stadt und Land, Zentrum und Peripherie, Kultur und Natur lösen sich auf, Stadt und Land gehören mehr und mehr zusammen. Digitales Arbeiten ermöglicht und fördert urbane Dörfer – gependelt wird in beide Richtungen. 

 

Zum Beispiel Fürstenberg. Die brandenburgische Wasserstadt an der Oberhavel mit etwas unter 4.000 Einwohnern im Kerngebiet hat sich durch Ideen und Input kreativer Landpioniere von einer reinen Tourismusregion weiterentwickelt und ist vielleicht gerade dabei, das Landleben neu zu erfinden. Das Kino im Kulturhof Alte Reederei gibt es schon länger, 2018 hat sich ein Makerspace in der ehemaligen Wartehalle des Bahnhofs eingenistet, der immer noch in Betrieb ist. Verstehbahnhof Fürstenberg nennt sich die Initiative von Daniel Domscheit-Berg und vom Team des Vereins havel:lab. Mit Programmpunkten wie der Kinderuni und Jugend hackt verspricht der Ort mit Gästezimmern, Fahrradverleih und Café neue Perspektiven für die Region sowie kulturelles Leben und Austausch. 

 

Bisher sind es vor allem Architekten, Journalisten und Programmierer, Wissenschaftler, Künstler und andere Kreative, die es hinaus aufs Land lockt. Wie sich die Provinz zum Vorreiter etablieren kann, zeigt auch das Konzept des Ko-Dorfs von Frederik Fischer. „Ich sehne mich nach einem Ort, der Ruhe bietet ohne Einsamkeit, ein Leben in der Gemeinschaft, ohne auf Privatsphäre verzichten zu müssen“, schreibt der Journalist 2018 in seinem Aufruf*, neue Dörfer zu bauen. Für Fischer „brechen Ko-Dörfer mit dem Vorurteil, dass in der Provinz die Langeweile lauert“. In den entlegensten Gegenden sieht er potenzielle Gestaltungsräume. „Allerdings wollen wir die Ko-Dörfer bewusst mit Abstand zu bereits bestehenden Dörfern gründen, damit sie sich nicht als Fremdkörper in gewachsene Strukturen drängen. Sie stehen allen offen, zwingen sich aber niemandem auf.“

 

Alternative Lebensmodelle und Ideen eines zeitgemäßen Lebens wie diese gewinnen an Selbstbewusstsein. Ohne Dogmen und alten Regeln zu folgen, werden urbane Landschaften geschaffen. Kluges Marketing lockt Unternehmen und Einwohner an. Neue Technologien und durchdachte Gebäude geben der bunten, vielfältigen, komplexen und dynamischen Welt, in der wir leben, ein Zuhause. Wo morgen das nächste Dorf erwacht, können wir gemeinsam entscheiden. Nehmen Sie Kontakt zu uns auf.

 

* https://krautreporter.de/2481-warum-ich-ein-dorf-grunde